23.01.2017

Rezension: SLOW BUSINESS

Titelbild der Studie Slow Business.
Wie Langsamkeit die Wirtschaft prägt, beschreibt die Studie "Slow Business" des Zukunftsinstituts.
Foto: Zukunftsinstitut
WIE AUS ACHTSAMKEIT EINE NEUE WERTSCHÖPFUNG ENTSTEHT

Der Begriff Slow Business hat sich - wie alle anderen artverwandten Begriffe dieser Trendstudie - aus der Slow-Food-Bewegung Mitte der 1980er-Jahre heraus entwickelt. Somit ist die Ernährungsbranche schon lange Vorreiter für die heutige Entwicklung hin zu mehr Achtsamkeit und Entschleunigung in der Wirtschaft geworden. Slow Food statt Fast Food - dieses Prinzip lässt sich eben auch auf andere Branchen übertragen. Grund genug, an dieser Stelle auf die 2016 erschienene, wegweisende Studie einzugehen.

Jahrzehntelang war das Streben nach Fortschritt vom Glauben an Beschleunigung bestimmt. Entscheidungen im Management, Innovationsprozesse, Immobilienprojekte, kreative Geistesblitze – wenn etwas zu lang dauerte, war es schlecht. In der Studie „Slow Business“ vom Zukunftsinstitut wird am Beispiel der acht Wirtschaftsbereiche Stadtentwicklung, Food, Medien, Design, Handel, Architektur, Tourismus und Kreative deutlich gemacht, wie aus der Absage an die alte Beschleunigungsökonomie der Fortschritt ohne Schnelligkeit im Zeitalter der Achtsamkeit folgt:

1. SLOW FOOD – DIE DE-INDUSTRIALISIERUNG EINER BRANCHE

Warum Qualität heute Zeit und Vorstellungskraft braucht, analysiert Food-Trendforscherin Hanni Rützler. Sie beleuchtet die sichtbare Trendwende: Die Abkehr von Fast Food und dem „alten“ Industrialisierungsbegriff hin zur Genusskultur mit hoher Qualität. Dabei erklärt sie u. a. die Entwicklung vom Notwendigkeits- zum Qualitätsgeschmack. Weitere Details finden sich in der Rezension des FOODREPORT 2017 und hier.

2. SLOW CITY – URBANE DYNAMIK DURCH ENTSCHLEUNIGUNG
Städte sind der Lebensraum der Zukunft, so der Wirtschaftsgeograph und Nachhaltigkeitsexperte Daniel Anthes. Er prognostiziert die Verbindung von lokaler Tradition und kulturellem Erbe mit modernem Zeitgeist und Innovation. Denn es ist gerade diese Mischung, die zu einer zukunftsweisenden Stadtentwicklung beiträgt und den Bewohnern ein höchstes Maß an urbaner Lebensqualität bietet.

3. SLOW MEDIA – QUALITÄT, MODERNITÄT UND UNABHÄNGIGKEIT
ALS TREIBER LANGSAMER MEDIEN

Immer öfter werden laut Trend- und Zukunftsforscherin Anja Kirig durch Slow Media erfolgreiche Innovationsimpulse gesetzt – obwohl in der Medienwelt Schnelllebigkeit wie kaum irgendwo sonst zum Alltag geworden ist. Doch gerade deshalb haben u. a. Titel wie ZEIT, Slow oder Flow heute Erfolg.

4. SLOW DESIGN – DER INDIVIDUELLE LUXUS DER HANDMADEÖKONOMIE
Der Megatrend Neo-Ökologie und die Do-it-yourself-Kultur sorgen für die Weiterentwicklung und Wertschöpfung innovativer Designkonzepte und in der Folge für einen wirkungsvollen Wandel in der Designbranche, sagt der Trend- und Zukunftsforscher Christian Rauch. Neue Qualitätsmaßstäbe von Nachhaltigkeit, Individualität, Regionalität, Transparenz und Langlebigkeit stehen beim selbst bestimmten Konsumenten im Fokus.

5. SLOW RETAIL – SINNSTIFTUNG STATT SHINY SHOWROOMING
Wie der Slow-Trend die üblichen schnellen Prozesse in der Handelslandschaft verändert und hier stattdessen immer mehr auf facettenreiche Nischenphänomene und Resonanz gesetzt wird, zeigt die Trendforscherin und Retail-Expertin Janine Seitz. Tradition, Fairness, Herkunft, Kuratierung, Erlebnis und Regionalität stehen bei Verbrauchern immer öfter vor schnell und günstig.

6. SLOW ARCHITECTURE – DER WERT DES „LANGSAMEN“ BAUENS
Slow Architecture – also eine schrittweise und organisch entstehende Architektur mit hohen Nachhaltigkeitsmerkmalen – ist heute ein erfolgreicher Gegenentwurf zu konventionellen Gebäuden, so Trendforscherin Christiane Varga. Sie beleuchtet u. a. die große Sehnsucht der Menschen nach ländlicher Idylle und Naturnähe in Kombination mit modernem Zeitgeist.

7. SLOW CREATIVITY – DIE ENTDECKUNG VON ZEIT UND RAUM
Der Essay von Agenturgründer Gabriel Diakowski zeigt, wie sich auch die Kreativbranche unter dem Druck von Globalisierung und Digitalisierung neu aufstellen und mehr Raum für Zeit und Intuition gewinnen kann.

8. SLOW TRAVEL – RESET AUF REISEN
Slow Travel etabliert sich als erfolgreiche neue Form von Erlebnisreisen und führt weg von Schnelligkeit und Effizienz, von Pauschalurlaub und Massentourismus. Eine Analyse von Trendforscherin und Tourismusexpertin Anja Kirig.

Für alle, die bisher noch nicht zum Lesen der Studie gekommen sind, ist sie daher genau die richtige Lektüre zum Jahresbeginn.

Slow Business | Herausgeber: Christian Rauch | 112 Seiten | ISBN 978-3945647-29-5 | 150,00 Euro zzgl. 7 % MwSt. |  Weitere Informationen finden Sie hier.

Rezension: Nicole Isermann